Online-Scheidung - Augenwischerei mit Scheinargumenten ?

Um was geht es ?

Angepriesen wird im Internet die sogenannte Online-Scheidung (oder Internet-Scheidung) damit, daß man auf diese Weise angeblich Zeit und Geld sparen könne. Dazu übersendet man seinem Anwalt "bequem und zeitsparend" per E-Mail die entscheidenden Daten für den Scheidungsantrag in einem Onlineformular. Ist das Trennungsjahr abgelaufen, stellt der Anwalt dann den Scheidungsantrag beim zuständigen Gericht.

Ist die Online-Scheidung schneller als die "normale" Scheidung ?

Keinesfalls !

Denn auch bei der Online-Scheidung muß das Trennungsjahr abgelaufen sein. Im übrigen richtet sich bei jeder Scheidung die Dauer des Verfahrens danach, wie schnell die Auskünfte zum Versorgungsausgleich (Rentenausgleich) von den Versorgungsträgern berechnet werden. Außerdem kommt es für die Terminsbestimmung der mündlichen Verhandlung auf die Auslastung des zuständigen Gerichtes an. Das sind zwei wesentliche Faktoren, auf die weder die Online-Scheidung noch der Anwalt einen Einfluß haben.

Spart man bei der Online-Scheidung Fahrtkosten und Zeit für Anwaltsgespräche ?

Nur in höchst geringfügigem Maß, verbunden mit einem hohen Risiko !

Oftmals wird die Online-Scheidung auch damit angepriesen, daß man Fahrtkosten und Mandantengespräche beim Anwalt "sparen" würde und lediglich Formulare ausfüllen müsse.

Diese kaum ins Gewicht fallende Zeitersparnis fördert aber Informationsdefizite, die zu einer Fehleinschätzung der Sach- und Rechtslage sowohl beim Anwalt als auch beim Mandanten führen können.

Das Landgericht Berlin hatte in seinem Urteil vom 05.06.2014, Az.: 14 O 395/13, einen Anwalt zum Schadensersatz verurteilt, der eine Online-Scheidung durchgeführt hat. Das Landgericht hielt es für grundsätzlich pflichtwidrig und fehlerhaft, allein aufgrund eines Scheidungsformulars im Internet oder aufgrund einer telefonischen Rückfrage von einem bestimmten Sachverhalt auszugehen und die weitere Beratung auf diesen Sachverhalt zu beschränken. Die Tätigkeit des Anwalts ist verantwortungsvoller und läßt sich weder in einem Telefonat erledigen noch durch ein Online-Formular. Gezielte Befragung und Vorlage der einschlägigen Unterlagen ist unerläßlich, um den ganz individuellen Fall mit seinen ganz spezifischen Gegebenheiten erfassen und bearbeiten zu können. Dies gehört zur anwaltlichen Pflicht und führt gerade dazu, daß ein Vertrauensverhältnis zwischen Anwalt und Mandanten begründet wird.

Ist die Online-Scheidung billiger als die "normale" Scheidung ?

Keinesfalls !

Die Kosten einer Online-Scheidung sind unterschiedslos dieselben wie bei einer normalen / konventionellen Scheidung. Denn auch der Online-Anwalt ist an das Rechtsanwaltsvergütungsgesetz gebunden und muß seine Gebühren danach erheben. Auch die Gerichtskosten richten sich bei jedem Scheidungsverfahren unterschiedslos nach gesetzlichen Vorschriften.

Da die Scheidung grundsätzlich nur vor einem Familienrichter stattfindet, kann die Scheidung natürlich nicht im Internet durchgeführt werden. Beim Scheidungstermin müssen die Ehegatten und zumindest ein Anwalt (der Online-Anwalt) auch persönlich vor Gericht erscheinen (vgl. § 128 FamFG). Also gibt es auch bezüglich der Fahrtkosten keine Ersparnis.

Im Gegenteil: Wenn der Online-Anwalt seinen Kanzleisitz nicht im Gerichtsbezirk des örtlich zuständigen Familiengerichtes hat, bei dem die Scheidung durchgeführt wird, wird er entweder zusätzliche Reisekosten berechnen oder einen zweiten Anwalt am Ort des Amtsgerichtes einschalten müssen, der für ihn dort auftritt. Dies kann die Kosten ebenfalls noch erhöhen.

Wenn teilweise zur Online-Scheidung behauptet wird, daß der Gegenstandswert, der für die Berechnung der Anwalts- und Gerichtskosten ausschlaggebend ist, niedriger sei, so ist auch dies nur ein Scheinargument. Denn zum einen gehen die Gerichte bei der Online-Scheidung in der Regel vom normalen Streitwert aus. Wenn einzelne Gerichte von dieser Grundregel abweichen, so liegt das nicht daran, daß die Scheidung online oder ganz normal durchgeführt wird, sondern daran, daß das Verfahren streitig oder unstreitig geführt wird.

Fazit:

Die Vorteile einer persönlichen Besprechung beim Anwalt zur Klärung aller mit der Trennung/Scheidung verbundenen Fragen überwiegen bei weitem gegenüber der minimalen, geradezu vernachlässigungswürdigen Zeit- und Fahrtkostenersparnis bei einer Online-Scheidung.